Mit Schreibverbot belegt und fast zu Tode gefoltert (Lauterbacher Anzeiger)

Studentische Initiative “Gefangenes Wort” macht zum Gedenktag für inhaftierte Schriftsteller auf Schicksale aufmerksam – Lesung mit Dirk Sager

(klf). Rinchen Sangpo Geshe war 32 Jahre alt, als er von chinesischen Polizisten in einen unterirdischen Keller verschleppt wurde, wo er wochenlang gefangen gehalten und gefoltert wurde. Vor den Augen des tibetischen Mönches und Schriftstellers verbrannten die Sicherheitsbeamten sein Tagebuch und seine Manuskripte, verboten ihm jemals wieder zu schreiben. Der Mönch, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, an die Geschichte und Kultur Tibets zu erinnern, floh in die Berge. Bis heute hält er sich versteckt, leidet aber noch immer unter den Folgen der Folter, wegen der er manchmal tagelang seine Beine nicht benutzen kann.

Es ist nur ein Schicksal von hunderten, auf welche die studentische Initiative “Gefangenes Wort” an der Justus-Liebig-Universität anlässlich des Writers-in-Prison-Day – Gedenktag für inhaftierte Schriftsteller – am 15. November aufmerksam machen will. Am 18. und 19. November stellt sie deshalb in einer Ausstellung in der alten Universitätsbibliothek Einzelschicksale von Autoren vor, die unter Repressalien leiden. Zudem findet ein Bücherflohmarkt und eine Podiumsdiskussion mit Dirk Sager, dem Vorsitzenden des Writers-in-Prison Komitee des internationalen Schriftstellerverbands PEN (Poetrists, Essayists, Novellists) statt. Die Studenten wollen möglichst viele Menschen über die Arbeit des Komitees informieren.

Denn für etliche inhaftierte Schriftsteller und Journalisten, stellt allein das Wissen um ihr Schicksal den seidenen Faden dar, an dem ihr Leben hängt. “Ohne die öffentliche Aufmerksamkeit wären viele Autoren gar nicht mehr am Leben”, erläutert Michael Weise, einer der Gründer der Initiative. Einige Staaten würden ihren ohnehin schon geschädigten Ruf im Ausland vollends ruinieren, wenn sie bekanntermaßen inhaftierte regimekritische Schriftsteller ermorden ließen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen chinesische Autoren. Obwohl die desolate Menschenrechtslage dort bekannt sei, erziele das Thema zu wenig Aufmerksamkeit, so Weise. Insbesondere über die diesjährige Frankfurter Buchmesse kann der 23-jährige Geschichts- und Germanistikstudent daher nur den Kopf schütteln. “Das war ein Trauerspiel”, kommentiert er den Umgang der Messeleitung mit dem offiziellen China. Auch der PEN habe sich zu sehr zurückgehalten. Diese Meinung teilt auch Dr. Sascha Feuchert, aus dessen Hauptseminar “Literaturpolitik, Literaturevent und Literaturereignis” sich die Initiative im vergangenen Wintersemester formierte. “Da hat man eine Chance vertan. Ich finde, man hätte chinesische Auffassung von Meinungsfreiheit viel kritischer diskutieren müssen.”

Völkermord an ArmeniernNicht nur in China, weltweit versuchen Staaten kritische Schriftsteller mundtot zu machen. “In der Türkei ist beispielsweise der Völkermord an den Armeniern ein Tabu-Thema. Deshalb sitzen einige Schriftsteller im Gefängnis und ihre Bücher werden verboten”, so Weise. Auch in Spanien, Griechenland, Großbritannien und der USA komme es seit dem 11. September wieder punktuell vor. Über die schwierige Situation der Journalisten und Schriftsteller in Russland soll die Podiumsdiskussion mit Dirk Sager Aufschluss geben, der das Engagement der Studenten mit seinem Besuch unterstützen will. Der designierte Präsident der JLU, Prof. Joybrato Mukherjee, wird die kostenlose Veranstaltung mit ihm, am 19. November im Georg-Büchner-Saal um 20 Uhr, eröffnen. Sager war mehrere Jahre für das ZDF in Moskau als Korrespondent tätig und veröffentlichte das Buch “Pulverfass Russland”, über die dortige Situation der Meinungsfreiheit. Daraus wird er auch eine kurze Lesung halten. Der Vize-Präsident des PEN-Deutschland und Vorsitzender des Writers-in-Prison-Komitee muss sich anschließend auf eine kontroverse Diskussion mit den Studenten einstellen, insbesondere wegen der angeblichen Zurückhaltung des PEN auf der Buchmesse. “Wir nehmen uns auch das Recht heraus, kritisch nachzufragen”, kündigt Weise an. Alle Besucher seien eingeladen mit zu diskutieren.

Während Ausstellung, Lesung und Podiumsdiskussion vor allem der Information dienen, wollen die Studenten mit dem Bücherflohmarkt gezielt helfen. Bereits im Januar hatten die Studenten auf diese Weise Geld gesammelt, dass sie einer “tschechischen Schriftstellerin zukommen ließen, die in Darmstadt im Exil lebt”, berichtet Feuchert.

Für den nun geplanten Flohmarkt haben die Studenten bereits kistenweise Bücher gespendet bekommen, “darunter auch einige hochwertige Bände, die wir versteigern wollen. Das macht Spaß und ist der Sache dienlich”, sagt Weise voller Vorfreude. Der Germanistikstudent berät momentan noch mit dem Writers-in-Prison-Komitee, wem der Erlös diesmal gespendet werden könne. Doch bevor es so weit ist, gibt es noch einiges zu tun. Zusammen mit Stefanie Füchter, Catharina Schwenke und Manuel Emmerich gilt es nun, die gespendeten Bücher zu sortieren und zu bewerten. Die Studenten hoffen noch auf weitere Bücherspenden, die man auch gerne erst beim Flohmarkt abgeben oder vorher abholen lassen könne. Zudem müssen noch Flyer ausgelegt, Plakate aufgehängt, Tische und Getränke organisiert werden.

Während dieses Jahr mit einem Erfolg der Veranstaltung gerechnet wird, steht die Zukunft der Initiative auf der Kippe. Sie besteht momentan nur noch aus neun Studenten, alle im fortgeschrittenen Semester. “So ein Ehrenamtliches Engagement wird künftig durch die Unflexibilität der modularisierten Stundenpläne sehr schwer”, sorgt sich Weise. Mit den momentanen Mitgliedern lasse sich die Arbeit noch maximal ein Jahr fortführen. Wie wichtig aber diese Arbeit ist, verdeutlichen die kürzlich veröffentlichten Zahlen des PEN zur Lage der verfolgten Schriftsteller. Rund um den Globus wurden allein im ersten Halbjahr diesen Jahres 22 Schriftsteller ermordet und weitere 136 zu teilweise jahrelangen Haftstrafen verurteilt, andere warten seit Jahren ohne Anklage auf eine Gerichtsverhandlungen. Insgesamt 644 Übergriffe, Morde und Verhaftungen stellte die internationale Schriftstellervereinigung in diesem sechsmonatigen Zeitraum fest.

VeranstaltungszeitenFlohmarkt: 18. und 19. November, 9-16 Uhr, alte UB, Bismarckstraße 37.

Lesung und Diskussion mit Dirk Sager: 19. November, 20 Uhr, Georg-Büchner-Saal, alte UB, Bismarckstraße 37.

www.gefangenes-wort.de

Quelle: http://www.lauterbacher-anzeiger.de/lokales/hochschule/7864761.htm (Artikel vom 14.11.2009)