Für das Recht auf freie Meinungsäußerung

Studenten verteilen Bücher zum »Welttag des Buches«
Wer am Montagmittag auf dem Seltersweg unterwegs war, der konnte auffallend vielen Menschen begegnen, die ein Buch mit sich herumtrugen. Die Initiative »Gefangenes Wort« machte mit Buchgeschenken auf den »Welttag des Buches« aufmerksam.
Es waren an diesem Tag nicht die röstfrischen Kaffeebohnen oder die neuesten
modischen Kreationen, die das Interesse auf sich zogen. Vielmehr bildete sich um bunte
Bananenkartons, gefüllt mit Büchern, eine Menschenmenge. Fünf Aktivistinnen der
studentischen Initiative Gefangenes Wort verschenkten diese zum »Welttag des
Buches«.
Seit 1995 ist der 23. April, von der UNESCO ausgerufen, der Tag, an dem »die Kultur des geschriebenen Wortes und die Rechte ihrer Autoren« weltweit ins Blickfeld gerückt
werden. Wer also am Montag auf Gießens Verkaufsmeile den Konsum im Blick hatte, der wurde schnell abgelenkt: »Guten Tag, dürfen wir Ihnen ein Buch schenken?« Manch einen machte das misstrauisch. »Wo ist denn hier der Haken?«, fragt ein junger Mann. Doch bei den meisten ist das Interesse groß. Eine Frau hätte gerne einen historischen Roman, eine andere sieht in dem Büchertisch wohl eher einen Flohmarkt und fragt nach dem zweiten Band ihres Lieblingskrimis.
Anne freut sich über das große Interesse der Passanten an den Büchergeschenken. »Ich habe als Kind gerne gelesen. Es freut mich, wenn ich heute anderen mit Büchern eine Freude machen kann.« Die Studentin der Komparatistik, einer Fachrichtung der Literatur und Kulturwissenschaft, möchte mit der Aktion andere zum Lesen anregen und den Spaß daran fördern. Doch um Unterhaltung alleine geht es der Initiative »Gefangenes Wort« nicht, darauf verweisen die eigens hergestellten Lesezeichen.
Seine Meinung frei zu äußern, ein Buch schreiben und veröffentlichen und frei entscheiden zu können, was man lesen möchte, ohne Repressalien zu befürchten, ist hierzulande selbstverständlich. So selbstverständlich, dass der Wert der Meinungsfreiheit, wie sie in Artikel 19 der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte formuliert wurde, oft in Vergessenheit gerät. Dass aber auch heute noch auf der ganzen Welt Schriftsteller und Journalisten in Gefängnissen sitzen oder um ihr Leben fürchten müssen, weil sie ihr Recht auf Meinungsäußerung ausüben, wurde den Gießener Studenten in einem Seminar zum Thema »Literaturpolitik, Literaturevent, Literaturereignis« bewusst. Die damalige Vorsitzende des deutschen »Writers-In-Prison-Comittee«, Katja Behrens, inspirierte hier mit ihrem Vortrag die Gruppe zur Gründung der Initiative »Gefangenes Wort«. Durch öffentliche Kampagnen und Petitionen, aber auch kulturelle Veranstaltungen, versuchen sie seitdem, »auf die bedrohliche Situation jener Menschen aufmerksam zu machen, die aufgrund ihrer literarischen, journalistischen, verlegerischen oder künstlerischen Tätigkeiten unter Repressionen leiden, zensiert, bedroht oder inhaftiert werden.«, wie es in ihren Leitlinien heißt. 2011 rückte die Gruppe die politische Situation in Weißrußland ins Blickfeld. Einen Bücherflohmarkt am Gedenktag der Schriftstellervereinigung PEN für »writers in prison« nutzte die Gruppe, um das Schicksal des weißrussischen Schriftstellers und Journalisten Dzmitry Bandarenka vorzustellen. Der war in Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung zu zwei Jahren Haft in der Strafkolonie Mahiljou verurteilt und inhaftiert worden. Mit dem Flohmarkt konnten mehr als 3000 Euro zu seiner Unterstützung und 400 Unterschriften für eine Petition zur Freilassung Bandarenkas gesammelt werden. »Bandarenka ist frei!« meldet nun der Newsticker zur Meinungsfreiheit auf der Homepage der Initiative unter www.gefangenes-wort.de.
Ob Am Welttag des Buches, dem Gedenktag »writers in prison«, mit Konzerten, Lesungen und andere Aktivitäten – für die stets Unterstützer gesucht werden – die Gruppe wird weiterkämpfen, gemäß ihrem Leitspruch von Katja Behrens: »Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere Schreiben dürfen.« Doris Wirkner