Ein “Albtraum in der Endlosschleife”

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 5.5.2012: Pinar Selek

Die von Studierenden der Justus-Liebig-Universität (JLU) gegründete Initiative „Gefangenes Wort“ macht auf die Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten aufmerksam. Um die Bedrohung und Verfolgung der schreibenden Frauen und Männer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, werden die Studierenden jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vorstellen. In der zweiten Folge berichtet Elena Müller über die türkische Soziologin Pinar Selek. In Pinar Seleks Fall dauert der Albtraum nunmehr seit vierzehn Jahren an. So lange lebt die türkische Schriftstellerin und Soziologin schon im Exil und mit der Angst, in einem Prozess in ihrem Heimatland doch noch schuldig gesprochen zu werden. Im Falle einer Verurteilung droht ihr eine lebenslange Haftstrafe unter verschärften Bedingungen. Die 41 Jahre alte Türkin wurde im Juli 1998 angeklagt, für eine Explosion auf einem ägyptischen Basar in Istanbul verantwortlich zu sein, bei dem sieben Menschen getötet und 127 verletzt wurden.

Die Soziologin und Autorin lebt momentan im Exil in Berlin, denn der Prozess dauert noch immer an. Nachdem Selek im Laufe der Jahre bereits dreimal freigesprochen worden war, muss sie sich nun erneut der Anklage stellen. Im März dieses Jahres tagte die 12. Kammer des Hohen Sondergerichts für schwere Straftaten erneut, um Verfahrensfehler im sogenannten „Gewürzbasar-Prozesses“ zu beheben. Wieder gehört die Exilantin zu den Hauptangeklagten.

Sie erlebe einen „Albtraum in Endlosschleife“ erzählte die Türkin im vergangenen Jahr in einem Beitrag über ihr Schicksal, der auf Arte ausgestrahlt wurde. Aufgrund der erneuten Anklage schwinden ihre Hoffnungen, bald in ihre Heimat und zu ihrer Familie zurückzukehren zu können.

Offiziell wird sie als Terroristin verfolgt, doch der eigentliche Grund für die Verhaftung vor 14 Jahren ist ein anderer: Selek hatte in dieser Zeit in der Türkei über die verbotene türkische Arbeiterpartei PKK recherchiert. Nachdem sie mit einigen Mitgliedern gesprochen hatte, wurde sie verhaftet. „Sie haben mich sehr hart gefoltert“ erzählt die Türkin von ihrer Zeit im Gefängnis. Mit Elektroschocks und der äußerst schmerzvollen Foltermethode des Strappado, bei dem das Opfer an den hinter dem Rücken gefesselten Händen an einem Seil aufgehängt wird, wurde versucht, die Nennung von Namen der Parteimitgliedern der PKK zu erzwingen, mit denen sie sich getroffen hatte. Die damals 27 Jahre junge Frau muss aufgrund der Schwere der Foltermethoden sehr gelitten haben, doch sie hat sich geweigert, ihre Informanten zu verraten. „Das ist eine ethische Frage, ich konnte ihnen nicht die Namen nennen.“ Erst nach einigen Wochen Haft erfuhr Selek, dass man sie neben einigen Angeklagten für die Explosion und damit für einen vermeintlichen Terroranschlag auf dem ägyptischen Basar in der türkischen Haupstadt verantwortlich machte.

Nach zweieinhalb Jahren Haft wurden Selek und die anderen Angeklagten freigelassen. Eine Expertenkommission war bei der Untersuchung des Falls zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Vorfall auf dem Basar in Istanbul um einen Unfall handeln musste. In mehreren Gutachten führen die Ermittler ein Loch in einem Gaskanister als Grund für die Explosion an. Obwohl sie im Laufe der Jahre dreimal von der Anklage der Mitschuld freigesprochen wurde, steht sie auch heute noch im Verdacht, eine Terroristin zu sein.

Die Autorin glaubt, dass das Oberste Kassationsgericht sie wegen ihrer Bücher verfolge, in denen sie unter anderem starke Kritik am türkischen Militärdienst übt.

Die Fortführung des Prozesses wurde auf den 1. August 2012 vertagt. Das internationale Interesse am Schicksal Seleks wächst und immer mehr Unterstützer fordern ihre Freiheit; mittlerweile wurde der Fall jetzt auch vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht, um einen endgültigen Freispruch für Selek zu erkämpfen.

Pinar Selek hat über die verbotene PKK recherchiert.  Foto: red

Pinar Selek hat über die verbotene PKK recherchiert.