Exklusives Interview von Gefangenes Wort mit Bobomurod Abdullaev

Bobomurod Abdullaev (© Reporter ohne Grenzen/RSF)

Bobomurod Abdullaev (© Reporter ohne Grenzen/RSF)

Im Zuge der Recherche zur Juli-Kolumne hatten wir die Gelegenheit, ein schriftliches Interview mit dem usbekischen Journalisten Bobomurod Abdullaev zu führen, der derzeit in Deutschland im Exil lebt. An dieser Stelle veröffentlichen wir das vollständige Interview, wobei wir Bobomurod Abdullaev ausdrücklich für seine Zustimmung hierfür danken möchten.

Schriftliches Interview von Gefangenes Wort mit Bobomurod Abdullaev

6. Juli 2021

[Die Übersetzung der Antworten von Bobomurod Abdullaev wurde dankenswerterweise von den Mitarbeiter/inne/n von Reporter ohne Grenzen Deutschland vorgenommen.]

Gefangenes Wort: Woran arbeiten Sie derzeit? Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?

Bobomurod Abdullaev: Zurzeit mache ich Videoprogramme „Fakt va Fikr“ („Fakt und Meinung“) auf YouTube (https://www.youtube.com/channel/UCq5ATzyDhp__eVbMjY-DL2g), in denen ich über die Situation in Usbekistan spreche, das volksfeindliche Wesen der Verfassung und der Gesetzgebung der Republik sowie der Entscheidungen der Regierung aufdecke. In diesen Sendungen gebe ich auch Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, Oppositionellen und normalen Zuschauern meinen Rat, ihre politischen Rechte zu schützen. Ich mache diese Arbeit seit dem 1. Februar dieses Jahres, d.h. seit dem Tag, an dem ich meinen Kanal „Fakt va Fikr“ im YouTube-Netzwerk eröffnet habe. In 6 Monaten seines Betriebs hat der Kanal über 18.000 Abonnenten.

Gleichzeitig schreibe ich zwei Bücher. In meinem ersten Buch „Heimlich gegen Geheimnisse“ erzähle ich, wie ich 15 Jahre lang unter dem Pseudonym „Usman Khaknazarov“ Artikel über die Verbrechen des Diktators Islam Karimov und seiner Geheimdienste veröffentlichte, wie ich an geheime Informationen gelangte, X-Dateien und veröffentlichte sie im Internet, wie ich es schaffte, unbemerkt zu bleiben und wie ich von usbekischen Spezialdiensten aufgrund eines banalen Fehlers einer Person, die wusste, wer „Usman Haknazarov“ wirklich war, gefunden und verhaftet wurde.

Das zweite Buch, an dem ich in Berlin zu arbeiten begonnen habe, ist „Aufwachen und aufwecken!“ in dem ich über einfache und vor allem legale Wege spreche, eine legale Oppositionsbewegung gegen die Willkürherrschaft der usbekischen Behörden zu organisieren, darüber, wie man gespaltene Gesellschaften vereinen und allgemeinen Pessimismus, Angst, Gleichgültigkeit und gegenseitiges Misstrauen überwinden kann.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich möchte in Deutschland bleiben, hier politisches Asyl erhalten und meine Arbeit an den Videoprogrammen „Fakt va Fikr“, den Büchern „Heimlich gegen Geheimnisse“ und „Aufwachen und aufwecken!“ Denn in Usbekistan würden die Behörden mich diese Projekte definitiv nicht durchführen lassen. Vor allem will mir der Staatssicherheitsdienst immer noch nicht meine Habseligkeiten (Telefone, Notebooks, Videokamera, Festplatten usw.) zurückgeben, die im letzten Sommer in einem erfundenen Kriminalfall illegal beschlagnahmt wurden. Die Sonderdienste des Landes haben zwar mündlich mitgeteilt, dass das Strafverfahren gegen mich eingestellt wurde, weigern sich aber nach wie vor, mir und meinem Anwalt Sergej Mayorow eine offizielle Entscheidung zur Einstellung des Strafverfahrens zu geben. Offenbar wollen die usbekischen Behörden die Verfolgung gegen mich nach den Präsidentschaftswahlen im Lande, die für den 24. Oktober dieses Jahres angesetzt sind, wieder aufnehmen.

Diese Faktoren sind für mich ein Grund, nicht nach Usbekistan zurückzukehren, zumindest bis Februar 2021, um sicher zu sein, ob die Behörden nach der Präsidentschaftswahl mit Repressionen gegen andere Bürger beginnen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation für Journalisten, die die Regierung in Usbekistan kritisieren? Welche Themen sind besonders sensibel?

In Usbekistan können Journalisten jetzt Beamte der unteren Ebene kritisieren, wie regionale oder Bezirks-Khokims (Gouverneure), Chefs der mittleren Ebene. Es gibt keine staatlichen Repressalien dafür, obwohl es Schikanen durch die lokalen Behörden gibt. Zum Beispiel starb 2019 ein lokaler Journalist, mein Bekannter Davletnazar Ruzmetov, der in den letzten drei Jahren unermüdlich über die Verbrechen der Khokim (Gouverneur)-Administration in der Provinz Khorezm geschrieben hatte, bei einem seltsamen Autounfall (ein Minibus fuhr um 02:00 Uhr nachts auf einer völlig leeren Autobahn einen Fußgänger an).

Direkte und offene Kritik an Präsident Shavkat Mirziyoyev und Mitgliedern seiner Regierung ist mit Verfolgung, Verhaftungen, Gefängnis und sogar dem Tod bedroht. Dies ist eine sehr gefährliche Angelegenheit.

Mit anderen Worten: In Usbekistan können nur noch Beamte der mittleren Ebene kritisiert werden. Kritik am Präsidenten und seinen Regierungsmitgliedern ist für Journalisten fatal.

Gab es nach dem Amtsantritt von Präsident Shavkat Mirziyoyev im Jahr 2016 Anzeichen für eine politische Liberalisierung in Usbekistan?

Anzeichen einer politischen Liberalisierung waren nur in den ersten zwei Jahren seiner Herrschaft zu spüren. Und dann wurde alles abgebrochen und vergessen. Bereits Anfang 2019 kehrte der neue Präsident auf den Weg seines Mentors Islam Karimow zurück.

Wie beurteilen Sie die Politik von Mirziyoyev in den letzten fünf Jahren?

Um es kurz zu machen, Mirziyoyevs Politik der letzten fünf Jahre besteht aus:

1. totale, dreiste und offene Korruption,

2. Usbekistan in die Eurasische Wirtschaftsunion (EEU) zu zwingen, eine Union von Sklaven, angeführt von Russland und seiner kriminellen Regierung, die dem Präsidenten Wladimir Putin (einem KGB-Mann mit krimineller Vergangenheit) untergeordnet ist;

3. der illegale Abriss von Häusern der Menschen und der Verkauf des nach den Abrissen verbleibenden Landes an russische Oligarchen;

4. kriminelle Schenkung von Unternehmen der Gas-Chemie, des Goldbergbaus und der metallurgischen Industrie Usbekistans an russische Oligarchen mit krimineller Vergangenheit;

5. die illegale Beschlagnahmung von Land der Bauern und deren Weiterverkauf an sogenannte Cluster, die Personen aus dem inneren Kreis des Präsidenten gehören.