Gefangenes Wort kämpft für den iranischen Journalisten Zeidabadi (Gießener Anzeiger)

Der folgende Artikel stammt aus dem Gießener Anzeiger vom 6.11.2010:

Hochschule

Initiative „Gefangenes Wort“ kämpft für iranischen Journalisten Ahmad Zeidabadi

06.11.2010

GIESSEN (fod). Ahmad Zeidabadi ist Journalist im Iran und setzt sich seit Jahren für staatliche Reformen und eine Verbesserung der Menschenrechtssituation ein. Hierfür wie auch für seine Beteiligung an den Massenprotesten auf Teherans Straßen verbüßt der 45-Jährige nun eine sechsjährige Haftstrafe, noch dazu wurde er zu fünf Jahren Verbannung ins Exil und einem lebenslangen Schreibverbot in seinem Heimatland verurteilt. Als die in der Initiative „Gefangenes Wort“ engagierten Studierenden der Justus-Liebig-Universität (JLU) davon hörten, war ihnen sofort klar: Zeidabadi muss geholfen werden.

Neben Unterschriften für eine Petition zur Aufhebung des Urteils möchte man mit einem vom 15. bis 18. November stattfindenden Bücherflohmarkt Geld sammeln, um es dem Journalisten zur Verfügung zu stellen. Es ist bereits das dritte Mal, dass die jungen Leute einen verfolgten, inhaftierten und nicht selten gefolterten Autoren unterstützen und sich für Pressefreiheit starkmachen. Während bei der letztjährigen Aktion für den inzwischen nach Spanien frei gekommenen kubanischen Oppositionellen Normando Hernández González 800 Euro und knapp 200 Unterschriften zusammengekommen waren, bewies man bei der Wahl des Kandidaten im Gründungsjahr 2008 schon fast prophetisches Gespür. Damals nämlich setzten sich die Studierenden für den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo ein, dem im vergangenen Monat der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

Für den jetzigen Bücherflohmarkt hofft man auf eine weitere Steigerung des Erlöses. „Wir haben bereits 50 Kisten randvoll mit Büchern aus den verschiedensten Themenbereichen zusammengetragen“, berichtet Michael Weise. Diese stammten aus Privatspenden, Nachlässen, inklusive einiger antiquarischer Kostbarkeiten, und auch von Buchhandlungen, worunter sich sogar noch verschweißte Exemplare des neuesten Bestsellers von Frank Schätzing, „Limit“, befänden. Weitere Bücherspenden würden also nicht benötigt, dafür hoffen die Aktiven auf eine möglichst große Resonanz. Zur Freude der Studenten hat man die Erlaubnis bekommen, den Stand an den ersten beiden Tagen, dem 15. („Writers-in-Prison-Day 2010“) und 16. November, im Pausenraum des neuen Rathauses aufzubauen. Am 17. und 18. November wird er dann wie gewohnt im Foyer des Hörsaalgebäudes im Philosophikum I stehen. Die Verkaufszeiten sind an allen vier Tagen von 9 bis 16 Uhr. Am 15. November wird es zudem um 19.30 Uhr im Margarete Bieber-Saal (Ludwigstraße 34) eine Vorführung des Films „Gefesselte Worte“ geben, bei dem die französische Regisseurin zugegen sein wird.

Die Idee zu der Initiative „Gefangenes Wort“ war 2008 im Rahmen eines Germanistikseminars an der JLU unter der Leitung von Honorarprofessor Sascha Feuchert entstanden, bei der auch die internationale Schriftstellervereinigung P.E.N. (Pets, Essayists, Novelists) Thema war. Nach einem Vortrag der damaligen Vorsitzenden des deutschen „writers-in-prison-comittee“, Katja Behrens, entwarf man eine Internetseite und machte sich Gedanken über Geldsammelaktionen.

Das Literarische Zentrum Gießen (LZG) war schnell als Unterstützer gewonnen und kommt seitdem für Reise- und Übernachtungskosten der für Lesungen eingeladenen Gäste auf, darunter im vergangenen Jahr der bekannte Fernsehjournalist Dirk Sager. „Mittlerweile sind wir etwa 20 Leute. Die meisten Studierende mit dem Haupt- oder Nebenfach Germanistik, aber auch zum Teil von außerhalb der Universität“, sagt Bernhard Wegner. Dennoch sei man darauf angewiesen, „dass immer wieder neue Leute nachrücken“, betont Jan Suberg, zumal die meisten der jetzigen Aktiven kurz vor Ende ihres Studiums stehen würden. Über „Mundpropaganda“ hatte auch Mirka Jersch von der Initiative erfahren und ist wie Kathy Gareis erst seit wenigen Monaten dabei. „Wir können schon mit kleinen Dingen viel bewirken“, ist Jersch überzeugt.

Ungeachtet des Nachwuchsproblems planen die jungen Leute bereits für die Zukunft. „Wir möchten gerne mehrere Veranstaltungen im Jahr anbieten“, meint Bernhard Wegner. Denn somit könnten Mitstudierende und Öffentlichkeit noch gezielter auf die Schicksale aufmerksam gemacht werden. Darüber hinaus würde man es gerne sehen, wenn auch Gießen sich dem Projekt „Städte der Zuflucht“ anschließt und künftig zeitweise flüchtige Autoren aufnimmt. „Wir haben hierzu bereits eine E-Mail an die Gießener Oberbürgermeisterin geschrieben“, berichtet Weise. Eine Antwort stehe allerdings noch aus.

Gruppenfoto

Quelle: http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/hochschule/9604086.htm