Gießener Studenten setzen sich für Freilassung des kubanischen Regimekritikers González ein (Gießener Anzeiger)

Artikel aus dem Gießener Anzeiger vom 21.07.2010:

Gießener Studenten setzen sich für Freilassung des kubanischen Regimekritikers González ein

Stefanie Füchter und Manuel Emmerich sind zwei der Gruppe Gießener Germanistik-Studierender, die sich erfolgreich für die Freilassung des Kubaners Normando Hernández González eingesetzt haben. Fotos: Docter

GIESSEN (fod). Über sieben Jahre musste er unter schlimmsten Haftbedingungen in einem kubanischen Gefängnis verbringen. Wurde von Wächtern und Mitinsassen misshandelt, zog sich Herz-, Magen- und Darmerkrankungen zu und saß zeitweise sogar mit psychisch kranken Schwerverbrechern in einer Zelle. Doch dieses Martyrium hat Normando Hernández González nun hinter sich. Mitte vergangener Woche nämlich wurde der 40-jährige Regimekritiker und Journalist auf Kuba aus der Haft entlassen und durfte nach Spanien ausfliegen. Einen großen Anteil daran hat eine Gruppe von 15 Studierenden des Instituts für Germanistik der Justus-Liebig-Universität (JLU), die sich mit Veranstaltungen für seine Freilassung eingesetzt, Geld und Unterschriften gesammelt hatte.

„Wir freuen uns riesig, dass Normando Hernández González jetzt endlich in Freiheit ist“, beschreibt Studentin Stefanie Füchter die allgemeine Stimmung. Man war zwar bereits vorher informiert worden, dass der Kubaner einer von 52 Dissidenten ist, die in diesen Wochen von der kommunistischen Regierung des Inselstaats in der Karibik freigelassen werden, doch die endgültige Bestätigung kam dann vor wenigen Tagen durch einen Fernsehbericht. „Darin sahen wir, wie Normando Hernández González aus einem Bus aussteigt“, erzählt Kommilitone Manuel Emmerich. Und es sollte noch besser kommen: auch die Ehefrau und Tochter des 40-Jährigen sind inzwischen nach Spanien geflogen und konnten ihren geliebten Ehemann und Vater nach jahrelanger Trennung wieder in die Arme schließen.

Im März 2003 war der Journalist der in Miami (USA) ansässigen Internetseite „Cubanet“ und Direktor des auf Kuba gegründeten „Camagüey College für unabhängige Journalisten“ verhaftet worden. In einem nur einen Tag dauernden Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte man ihn zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Seitdem hat sich die englische P.E.N.-Vereinigung, Teil der weltweiten Organisation von Schriftstellern und Journalisten, für die Haftentlassug von Normando Hernández González starkgemacht. Davon erfuhren die Gießener Studierenden und entschlossen sich ebenfalls für ihn einzusetzen. Und so organisierte man an der JLU eine gut besuchte Abendveranstaltung mit dem bekannten Fernsehjournalisten Dirk Sager, sammelte dort und bei einem Bücherflohmarkt Unterschriften und Geld. „Insgesamt konnten wir ihm 700 Euro überweisen“, erzählt Manuel Emmerich. Während „die rund 140 Unterschriften an die kubanische Botschaft in Deutschland und die Regierung des Inselstaats geschickt wurden“, wie Stefanie Füchter berichtet.

Schon im Vorjahr hatte sich die Gruppe für den Vorsitzenden des chinesischen P.E.N.-Clubs, Liu Xiaobo, starkgemacht – der inzwischen zu elf Jahren Haft verurteilt wurde – und spendeten Geld für eine im Exil in Darmstadt lebende tschetschenische Journalistin. Ausgangspunkt all dessen war die Gründung der Initiative „Gefangenes Wort“, die 2008 am Institut aus dem von Honorarprofessor Dr. Sascha Feuchert gehaltenen Germanistikseminar „Literaturpolitik, Literaturevent, Literaturereignis“ hervorging.

Zu ihrer Motivation befragt, zitieren die beiden Studierenden die damalige Gastreferentin und Vorsitzende des deutschen „Writers-In-Prison-(„Autoren im Gefängnis“)-Komitees, Katja Behrens: „Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere schreiben dürfen“, habe diese gesagt. Und obwohl ihnen bewusst ist, dass ihre Hilfe, so Stefanie Füchter, „nur ein Tropfen auf einem heißen Stein“ sei, wollen sie nicht nachlassen, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. „Man kann schon mit einer einzigen Aktion viel erreichen“, ist Manuel Emmerich überzeugt. Und so möchte man auch am diesjährigen „Writers-in-Prison-Day“, dem 15. November, wieder jemanden aussuchen und in den Monaten danach mit Aktionen unterstützen. Die Auswahl ist riesig: „Weltweit gibt es 870 Fälle inhaftierter Autoren und Journalisten“, berichtet Manuel Emmerich, „die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.“ Da die meisten jungen Leute aber kurz vor ihrem Studienende stehen, wird Nachwuchs gesucht, der nach ihnen die Initiative „Gefangenes Wort“ fortführt.

Der Originalartikel ist hier zu finden:

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