Lebenslang für die Wahrheit

can_duendar_lebenslangIm November 2015 werden Can Dündar, Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung »Cumhuriyet«, und Erdem Gül, Hauptstadtkorrespondent, verhaftet. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihnen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen vor, Staatspräsident Erdogan stellt persönlich Strafanzeige und fordert lebenslange Haft. Hintergrund ist ihre Berichterstattung über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Extremisten. Nach drei Monaten kommen die Journalisten vorläufig frei. Anfang Mai beginnt der Prozess: Dündar wird zu sechs, Gül zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

In »Lebenslang für die Wahrheit« erzählt Dündar die ganze Geschichte von der Entdeckung der geheimen Waffenlieferungen über die Entscheidung, das belastende Filmmaterial zu veröffentlichen, bis zu den Ereignissen, die der Veröffentlichung folgten: Die Drohungen, die er und die Redaktion erhalten haben, die Angst vor Terroranschlägen, seine Zeit in Einzelhaft. Dündars Aufzeichnungen aus dem Gefängnis zeigen, dass sein Widerstand ungebrochen ist und er nicht aufgeben wird im Kampf für Presse- und Meinungsfreiheit.

Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit – Aufzeichnungen aus dem Gefängnis
Hoffmann und Campe Verlag
In einer Übersetzung von Sabine Adatepe

“Große Geschichten verstecken sich vermutlich in dieser Spiegelwelt”

“Ihre Zunge ist so scharf wie die Messer eines Metzgers und gnadenlos. Ihre liebste Beschäftigung besteht darin, sich über das Leben der anderen genau zu informieren und darüber zu plaudern (…).” geb_SU

Wie eine der Figuren Abbas Khiders in seinem Roman “Brief in die Auberginenrepublik” (Nautilus Verlag 2013) kann auch das Buch als solches beschrieben werden. Scharf wie ein Messer, gnadenlos und genau. Der zunächst plauderhafte und für den Leser angenehm nachvollziehbare Tonfall täuscht nicht über die Schwermütigkeit und thematische Tiefe des Romans hinweg. Abbas Khider schickt seinen Leser mit einem von Salim Al-Kateb an seine Freundin Samia verfassten Brief auf eine Odyssee quer durch die arabische Welt. Salim, der aufgrund angeblich “illegalen Buchbesitzes” verhaftet und gefoltert geworden, letztlich jedoch im Exil untergetaucht ist, macht ein Netzwerk von illegalen Briefboten ausfindig und vertraut ihnen eine Nachricht an seine Geliebte an. Der Brief begibt sich mitsamt dem Leser auf eine schier unendliche Reise vorbei an der Zensur quer durch Arabien. Immer begleitet von Menschen verschiedenster kultureller, religiöser und moralischer Hintergründe, werden dem Leser auf seiner Briefreise unterschiedlichste Schicksale und Lebensumstände eröffnet.

Abbas Khider vermag es durch eine ständig wechselnde Perspektive der Ich-Erzähler ebenso wie durch seine schonungslosen und emotional anrührenden Schicksalsbeschreibungen, den Leser tief mit in die Zustände und Ereignisse der arabischen Länder Ende der Neunzigerjahre zu nehmen. So lernen wir neben Salim, dem ehemaligen Literaturstudenten (und Absender des Briefes) auch Walid, den – nach kurzer Haft – in Folge einer “Lungenentzündung” verstorbenen Autor und dessen Freund Majed kennen. Ebenso begegnen wir aber auch dem Polizisten Kamal und Oberst Ahmed, die der Reise des Briefes wie auch dem Verlauf der Geschichte eine neue Wendung geben. Ob der Brief seine Empfängerin Samia jemals erreichen wird? Nur soviel sei verraten: So unbeschwert die Reise zunächst beginnen mag, so dramatisch ist auch ihr Wendepunkt…

Abbas Khider, welcher 1996 nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe selbst aus dem Irak floh und seit dem Jahr 2000 in Deutschland lebt, schreibt mit “Brief in die Auberginenrepublik” ein bewegendes und informierendes Buch, das seinem Leser orientalische Hitze- wie politische Kälteschauer gleichermaßen über den Rücken jagt und bis zur letzten Seite nicht loslässt.

(Seit Neuestem als Taschenbuch erhältlich im btb Verlag)

Fotoband “Fotos für die Pressefreiheit”

Am 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Zu diesem Anlass gibt Reporter ohne Grenzen Deutschland den Fotoband “Fotos für die Pressefreiheit” heraus. Per Crowdfunding unter https://www.startnext.com/pressefreiheit2015 sollen die notwendigen 7500 € für die Veröffentlichung eingeworben werden. Nach Spendensumme gestaffelt winken kleinere und größere Geschenke zum Thema Meinungs- und Pressefreiheit. Man kann sich noch bis einschließlich 17.4.2015 mit einer Spende beteiligen.

Buchtipp: “1000 Peitschenhiebe” von Raif Badawi

Morgen erscheint im Ullstein Verlag der Titel “1000 Peitschenhiebe”. Geschrieben hat ihn der saudische Blogger Raif Badawi, dessen Schicksal seit Monaten Menschen weltweit bewegt. Informationen von Spiegel Online folgend enthält das Buch nicht nur einen Text, den Badawi seiner Frau Ensaf Haidar per Telefon aus der Haft heraus diktiert habe, sondern – erstmals auch in deutscher Sprache – die mittlerweile gelöschten Blogeinträge, die zu seiner Verurteilung im vergangenen Jahr geführt hatten.

Der Gewinn soll Badawi und seiner Familie zugute kommen.

Zeichner verteidigen die Meinungsfreiheit

zeichner_verteidigen_meinungsfreiheit„Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein Grundrecht der Aufklärung und darf zu keiner Zeit verhandelbar sein. Wir brauchen eine offene Gesellschaft wie die Luft zum Atmen.“, schreibt der Aladin-Verlag zur Veröffentlichung dieses Buches. 29 Zeichner aus Australien, Deutschland, England, Frankreich, Österreich sind dem Aufruf des Aladin-Verlags gefolgt und treten mit ihren Bildern dafür ein, dass die Meinungsfreiheit respektiert und verteidigt wird.
Die gesamten Erlöse kommen dem „Writers in Prison“-Programm des PEN zugute.

10. Mai: Gedenktag der NS-Bücherverbrennung

Am 10. Mai jährt sich der Tag der Bücherverbrennung im Nationalsozialismus zum 79. Mal. Der 10. Mai 1933 war ein schwarzer Tag für die deutschsprachige Literatur. In über 70 Städten des damaligen Deutschland gab es Scheiterhaufen, auf denen Bücher und Zeitschriften von Autorinnen und Autoren verbrannt worden sind, die nach dem Willen der  Machthaber vernichtet und vergessen werden sollten: Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig und viele andere Autoren waren davon betroffen. Die Vernichtung dieser Werke bedeutete zugleich die Zerstörung eines wichtigen und großen Teils der deutschen Kultur, einer Kultur, die für die freie Meinungsäußerung, für Pressefreiheit, für die streitbare Diskussion eintrat.

Vielerorts wird am 10. Mai mit Mahn- und Gedenkveranstaltungen den Opfern der Bücherverbrennung gedacht. Wer sich darüberhinaus informieren und engagieren möchte, findet im Folgenden einige Hinweise:

Zweimal im Jahr legt der P.E.N eine sogenannte Case-List vor. Hier werden alle “bekannten” Fälle von verfolgten, bedrohten und inhaftierten Autorinnen und Autoren weltweit aufgelistet, die friedlich von ihrem Recht auf die Freiheit des Wortes Gebrauch gemacht haben. Nähere Informationen finden Sie auf den Seiten des Internationalen P.E.N. und des deutschen P.E.N.-Zentrums. Wer sich näher mit der Geschichte der Zensur von Literatur beschäftigen möchte, findet u.a. in dem vor kurzem erschienenen “Buch der verbotenen Bücher” von Werner Fuld eine Universalgeschichte verfolgter Literatur und Literaten von der Antike bis heute vor. Eine andere Perspektive auf Zensur und Verfolgung wirft das Buch von Edda Ziegler: “Verboten – verfemt – vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus”. Kaum hatten deutschsprachige Autorinnen Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen, die literarische Szene zu erobern, da wurden sie auch schon ausgebremst: verboten, verfemt und vertrieben von der Literaturpolitik der Nazis – wegen ihrer jüdischen Herkunft, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Schreibart, ihrem Frauenbild. Zur Leseprobe.

Mahnmal zur Bücherverbrennung in Berlin auf dem Bebelplatz

Mahnmal zur Bücherverbrennung in Berlin auf dem Bebelplatz © picture-alliance / akg-images

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Reporter ohne Grenzen (Hrsg.): Fotos für die Pressefreiheit 2012

Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai veröffentlicht Reporter ohne Grenzen (ROG) den Band „Fotos für die Pressefreiheit 2012“. Er verbindet die Bilder international renommierter Fotografen mit Texten erfahrener Auslandskorrespondenten. Das Buch dokumentiert die Ereignisse des vergangenen Jahres vor allem in den Staaten, in denen unabhängige Medien unter Druck stehen.

Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Nach den Jubelfeiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo steigt eine junge Ägypterin von einem Panzer. Foto: Julian Daniel / MYOP, aus dem Fotobuch „Revolution“ .

104 Seiten
12 Euro