Verse auf Zigarettenpapier herausgeschmuggelt

Kolumne im Gießener Anzeiger

Der syrische Autor Faraj Bayrakdar

Der syrische Autor Faraj Bayrakdar

In der März-Ausgabe unserer Kolumne berichtet Elena Müller vom Schicksal des syrischen Autors Faraj Bayrakdar, der heute im schwedischen Exil lebt.

„Die Freiheit in uns ist größer als das Gefängnis, das uns hält.“ Diesen Satz hat ein Mann geschrieben, der 14 Jahre lang in den schlimmsten syrischen Gefängnissen eingesessen und martialische Folter ausgehalten hat. Faraj Bayrakdar wurde als Gegner des Assad-Regimes inhaftiert, er soll Mitglied der Kommunistischen Arbeiter Partei gewesen sein. Außerdem war er bereits mit 26 Jahren der Herausgeber eines literarischen Magazins, das die Werke junger syrischer Autoren publizierte. Diese Art des Protestes gegen die Regierung hat ausgereicht, um Bayrakdar ohne einen ordentlichen Prozess ins Gefängnis zu werfen…

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„Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen“ – Ein musikalisch-literarischer Abend in Wetzlar

Was fehlt einem Menschen, der aus seiner Heimat fliehen musste, im Exil am meisten? Wahrscheinlich würde jeder einzelne Flüchtling etwas anderes sagen. Da scheint es nicht ganz einfach, zur Hilfe zu kommen. Doch wie leicht es gelingen kann, ein Stück Heimat zu den Flüchtlingen zu holen, hat ein Abend in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar gezeigt. Mit der literarisch-musikalischen Benefiz-Veranstaltung „Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen“ hat die Bibliothek in Kooperation mit dem Verein „Flüchtlingshilfe Mittelhessen“ einen Abend organisiert, der den Syrern, die ihre Heimat verlassen mussten und Zuflucht in Wetzlar gefunden haben, eine Stimme gegeben und dies auf zweierlei Weise: mit Musik und mit Literatur. „Wir haben Sie nicht eingeladen, um über den Krieg in Syrien zu sprechen“, begrüßt Bettina Twrsnick die Gäste, die am vergangenen Freitag zahlreich in der Phantastischen Bibliothek erschienen sind. Twrsnick hat den Abend organisiert und ihm mit Hilfe der syrischen Flüchtlinge einen tollen Rahmen gegeben. Süßer Tee und selbstgemachte syrische Süßigkeiten boten dabei nur den Rahmen für einen kurzweiligen Abend, an dem es voll und ganz gelang, den Menschen, die unter uns leben und doch teilweise neben uns, eine Stimme zu geben. Dies gelang zum einen durch die wunderbare Stimme von Hannelore Marzi. Die Übersetzerin und Erzählerin trug orientalische Märchen vor, Fabeln, die davon erzählen, wie leicht es sein könnte, in Frieden zu leben. Von Männern und Frauen, die im Zusammenleben mit Freunden und Fremden das Richtige tun und somit den Frieden wahren. „Leider sind dies nur Märchen“, sagt Twrsnick. Denn die Wirklichkeit ist deutlich erbarmungsloser. Der, der davon am besten zu berichten weiß, ist Faraj Bayrakdar.Der renommierte Poet lebt heute im Exil in Schweden. In Syrien war er dreimal aufgrund fadenscheiniger Argumente inhaftiert worden und war 14 Jahre lang ein politischer Gefangener des Regimes. Seine Arbeit als Redakteur hat dem Regime nicht gefallen, weshalb versucht wurde, ihn durch Haft zum Schweigen zu bringen. Doch Bayrakdar war mutig und wollte sich seine Stimme nicht verbieten lassen. In seiner Gefangenschaft schrieb er Gedichte, die er auf eng beschriebenem Zigarettenpapier aus dem Gefängnis schmuggelte. Heute ist er ein freier Mann – und ein berühmter Poet. In Wetzlar trägt er seine Gedicht vor, die eindrücklich von dem Schmerz, dem Wunsch nach Freiheit und den Träumen eines Gefangenen erzählen. Bayrakdar liest seine Gedichte auf Arabisch, Marzi liest die deutsche Übersetzung. Beide Male fließen die Worte durch die Bibliothek, beide Male ist es eindrücklich, obwohl die meisten Anwesenden die arabische Version nicht verstehen. Sie transportieren das Leid des Inhaftierten, aber auch den Wille, wieder frei zu sein und dafür auch zu kämpfen.

Der ruhige Mann im Karohemd wirkt dabei nicht wie ein Mann, der jahrelange Unterdrückung erdulden musste. Er ist stolz und diese Haltung zeigt er mit einer bescheidenen Zurückhaltung. Genauso wie die jungen syrischen Musiker, die Twrsnick eingeladen hat, um die Lesung zu begleiten. Am Ende der Veranstaltung sangen alle mit, die die Lieder aus Homs, Aleppo und Damaskus kannten. Einer traute sich sogar, zu tanzen. Damit gelang an diesem Abend, was sich Twrsnick und die Flüchtlingshilfe Mittelhessen so sehr gewünscht hatten: die Gäste blickten auf die Syrier und indem sie an ihrer Literatur und ihrer Musik so aktiv teilhatten, konnten sie den Heimatlosen zumindest für einen Moment ein Stück Heimat zurückgeben.

Elena Müller