Mexikanische Journalistin Lydia Cacho erhält regelmäßig massive Drohungen

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 2.6.2012: Lydia Cacho

Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Deshalb haben die jungen Leute im Jahr 2008 die Initiative „Gefangenes Wort“ gegründet und zahlreiche Aktionen gestartet. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Gießener Anzeiger mit der Studierendeninitiative und stellt jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vor. Diesmal berichtet Stefanie Füchter über die mexikanische Journalistin Lydia Cacho.

„Noch nie war Sklaverei so weit verbreitet wie heute.“ Das beschreibt Lydia Cacho in ihrem Buch „Sklaverei“ auf zwei verschiedene Arten: Sie spricht mit Betroffenen und später untersucht sie, wie die Globalisierung besonders die Zwangsprostitution, aber auch den Organhandel, befeuert. Der Begriff „Sklaverei“ wird meistens mit der Verschleppung und der Zwangsarbeit von mehr als zwölf Millionen Afrikanern zwischen dem 16. Und 19. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Doch auch heute gibt es Sklaverei, in die die Betroffenen jedoch nicht durch Ketten, sondern durch sehr schlechte wirtschaftliche Verhältnisse gezwungen werden. Nach Angaben der UN leben heute 27 Millionen Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen. Um herauszufinden, wie diese Zahl zustande kommt und wie heutige Sklaven leben, hat Lydia Cacho fünf Jahre lang recherchiert. Im Stile Günter Wallraffs hat sie sich zeitweise sogar als Prostituierte verkleidet – so erzählten ihr potenzielle Freier viel mehr als in ihrer eigentlichen Rolle als Journalistin. In ihrem Buch spricht sie mit verschiedenen Frauen und Kindern, die verkauft wurden und hilflos der Zwangsprostitution ausgesetzt sind. Hierfür ist Lydia Cacho durch die Türkei, nach Israel, Palästina, Kambodscha, Birma und Argentinien gereist. Zwangsprostitution, meistens von Frauen, ist mit 79 Prozent die häufigste Form der modernen Sklaverei. Doch auch Zwangsarbeit mit 18 Prozent und Haussklaverei sowie Organhandel mit einem dreiprozentigen Anteil bilden absolut grausame Formen des Missbrauchs und der Entmündigung Cacho bringt sich selbst durch ihre Recherchen in große Gefahr. Immerhin verdient die Menschenhändlermafia nach UN-Angaben weltweit 135 Milliarde Dollar im Jahr und will die Enthüllung ihrer kriminellen Machenschaften um jeden Preis verhindern.

Als Cacho am 16. Dezember 2005 auf dem Weg zum Büro vom CIAM (Centro Integral de Atención a las Mujeres) einer von ihr gegründeten Unterkunft für misshandelte Frauen, fährt, wird sie von sechs bewaffneten Männern entführt. Eine mehr als 24-stündige Horrorfahrt quer durch Mexiko beginnt. Aus den Gesprächen der Männer erfährt sie, dass der als „Jeanskönig“ bekannte Unternehmer Kamel Nacib dahinter steckt. Seine Verbindung zu einem Kinderprostitutionsring hatte sie in ihrem gerade erschienen Buch „Los Demonios del Eden“ offen gelegt. Es gelingt ihr jedoch aus dem Auto heimlich eine SMS an ihren Lebensgefährten zu senden, der dafür sorgt, dass Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International mobilmachen und sie gegen eine Kaution aus dem Gefängnis freikaufen. Nur so entgeht Lydia Cacho der eigentlich geplanten Folter im Gefängnis. Später erfährt sie, dass der Jeanskönig gut mit Mario Marín, dem Gouverneur des Bundesstaates Pueblo, befreundet ist und dieser Cachos Verhaftung organisiert hat. Eigentlich sollte sie im Gefängnis misshandelt und vergewaltigt werden, um endgültig mundtot gemacht zu werden. Im anschließenden einjährigen Prozess wegen Rufmordes wird die Journalistin schikaniert – Nacif kauft ihren Anwalt, der daraufhin sehr nachlässig arbeitet. Doch Cacho wird freigesprochen. In Puebla gehen währenddessen Tausende gegen den Gouverneur auf die Straße, doch er behält sein Amt. Einige Zeit später isst Cacho mit Freunden in einem Restaurant, als ihr ein Fremder diskret anbietet, Marín und Nacif zu ermorden. Er ist ein Bewunderer ihrer Arbeit und außerdem der örtliche Chef der Zetas, dem brutalsten Drogenkartell Mexikos. Cacho lehnt das Angebot erschrocken ab.

Ständiger Personenschutz

Bis heute lebt Lydia Cacho unter ständigem Personenschutz und erhält regelmäßig massive Drohungen. Ihre Situation ist beispielhaft für viele Journalisten in Mexiko. Drogen- und Menschenhändler zögern nicht sie zu foltern oder zu töten, wenn sie kritisch über ihre Machenschaften recherchieren. So wurden in den vergangenen zehn Jahren mindestens 60 Journalisten ermordet. Lydia Cacho berichtet traurig davon, wie ihr einige versklavte Frauen die schlichte Frage stellten: „Wie fühlt es sich an, wenn man machen kann, was man will?“ Auch sie muss sich diese Frage stellen, wenn sie bei ihrer Arbeit als Journalistin eingeschränkt, behindert und bedroht wird.

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