Mexikanische Journalistin Lydia Cacho erhält regelmäßig massive Drohungen

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 2.6.2012: Lydia Cacho

Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Deshalb haben die jungen Leute im Jahr 2008 die Initiative „Gefangenes Wort“ gegründet und zahlreiche Aktionen gestartet. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Gießener Anzeiger mit der Studierendeninitiative und stellt jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vor. Diesmal berichtet Stefanie Füchter über die mexikanische Journalistin Lydia Cacho.

„Noch nie war Sklaverei so weit verbreitet wie heute.“ Das beschreibt Lydia Cacho in ihrem Buch „Sklaverei“ auf zwei verschiedene Arten: Sie spricht mit Betroffenen und später untersucht sie, wie die Globalisierung besonders die Zwangsprostitution, aber auch den Organhandel, befeuert. Der Begriff „Sklaverei“ wird meistens mit der Verschleppung und der Zwangsarbeit von mehr als zwölf Millionen Afrikanern zwischen dem 16. Und 19. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Doch auch heute gibt es Sklaverei, in die die Betroffenen jedoch nicht durch Ketten, sondern durch sehr schlechte wirtschaftliche Verhältnisse gezwungen werden. Nach Angaben der UN leben heute 27 Millionen Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen. Um herauszufinden, wie diese Zahl zustande kommt und wie heutige Sklaven leben, hat Lydia Cacho fünf Jahre lang recherchiert. Im Stile Günter Wallraffs hat sie sich zeitweise sogar als Prostituierte verkleidet – so erzählten ihr potenzielle Freier viel mehr als in ihrer eigentlichen Rolle als Journalistin. In ihrem Buch spricht sie mit verschiedenen Frauen und Kindern, die verkauft wurden und hilflos der Zwangsprostitution ausgesetzt sind. Hierfür ist Lydia Cacho durch die Türkei, nach Israel, Palästina, Kambodscha, Birma und Argentinien gereist. Zwangsprostitution, meistens von Frauen, ist mit 79 Prozent die häufigste Form der modernen Sklaverei. Doch auch Zwangsarbeit mit 18 Prozent und Haussklaverei sowie Organhandel mit einem dreiprozentigen Anteil bilden absolut grausame Formen des Missbrauchs und der Entmündigung Cacho bringt sich selbst durch ihre Recherchen in große Gefahr. Immerhin verdient die Menschenhändlermafia nach UN-Angaben weltweit 135 Milliarde Dollar im Jahr und will die Enthüllung ihrer kriminellen Machenschaften um jeden Preis verhindern.

Als Cacho am 16. Dezember 2005 auf dem Weg zum Büro vom CIAM (Centro Integral de Atención a las Mujeres) einer von ihr gegründeten Unterkunft für misshandelte Frauen, fährt, wird sie von sechs bewaffneten Männern entführt. Eine mehr als 24-stündige Horrorfahrt quer durch Mexiko beginnt. Aus den Gesprächen der Männer erfährt sie, dass der als „Jeanskönig“ bekannte Unternehmer Kamel Nacib dahinter steckt. Seine Verbindung zu einem Kinderprostitutionsring hatte sie in ihrem gerade erschienen Buch „Los Demonios del Eden“ offen gelegt. Es gelingt ihr jedoch aus dem Auto heimlich eine SMS an ihren Lebensgefährten zu senden, der dafür sorgt, dass Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International mobilmachen und sie gegen eine Kaution aus dem Gefängnis freikaufen. Nur so entgeht Lydia Cacho der eigentlich geplanten Folter im Gefängnis. Später erfährt sie, dass der Jeanskönig gut mit Mario Marín, dem Gouverneur des Bundesstaates Pueblo, befreundet ist und dieser Cachos Verhaftung organisiert hat. Eigentlich sollte sie im Gefängnis misshandelt und vergewaltigt werden, um endgültig mundtot gemacht zu werden. Im anschließenden einjährigen Prozess wegen Rufmordes wird die Journalistin schikaniert – Nacif kauft ihren Anwalt, der daraufhin sehr nachlässig arbeitet. Doch Cacho wird freigesprochen. In Puebla gehen währenddessen Tausende gegen den Gouverneur auf die Straße, doch er behält sein Amt. Einige Zeit später isst Cacho mit Freunden in einem Restaurant, als ihr ein Fremder diskret anbietet, Marín und Nacif zu ermorden. Er ist ein Bewunderer ihrer Arbeit und außerdem der örtliche Chef der Zetas, dem brutalsten Drogenkartell Mexikos. Cacho lehnt das Angebot erschrocken ab.

Ständiger Personenschutz

Bis heute lebt Lydia Cacho unter ständigem Personenschutz und erhält regelmäßig massive Drohungen. Ihre Situation ist beispielhaft für viele Journalisten in Mexiko. Drogen- und Menschenhändler zögern nicht sie zu foltern oder zu töten, wenn sie kritisch über ihre Machenschaften recherchieren. So wurden in den vergangenen zehn Jahren mindestens 60 Journalisten ermordet. Lydia Cacho berichtet traurig davon, wie ihr einige versklavte Frauen die schlichte Frage stellten: „Wie fühlt es sich an, wenn man machen kann, was man will?“ Auch sie muss sich diese Frage stellen, wenn sie bei ihrer Arbeit als Journalistin eingeschränkt, behindert und bedroht wird.

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Ein “Albtraum in der Endlosschleife”

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 5.5.2012: Pinar Selek

Die von Studierenden der Justus-Liebig-Universität (JLU) gegründete Initiative „Gefangenes Wort“ macht auf die Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten aufmerksam. Um die Bedrohung und Verfolgung der schreibenden Frauen und Männer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, werden die Studierenden jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vorstellen. In der zweiten Folge berichtet Elena Müller über die türkische Soziologin Pinar Selek. In Pinar Seleks Fall dauert der Albtraum nunmehr seit vierzehn Jahren an. So lange lebt die türkische Schriftstellerin und Soziologin schon im Exil und mit der Angst, in einem Prozess in ihrem Heimatland doch noch schuldig gesprochen zu werden. Im Falle einer Verurteilung droht ihr eine lebenslange Haftstrafe unter verschärften Bedingungen. Die 41 Jahre alte Türkin wurde im Juli 1998 angeklagt, für eine Explosion auf einem ägyptischen Basar in Istanbul verantwortlich zu sein, bei dem sieben Menschen getötet und 127 verletzt wurden.

Die Soziologin und Autorin lebt momentan im Exil in Berlin, denn der Prozess dauert noch immer an. Nachdem Selek im Laufe der Jahre bereits dreimal freigesprochen worden war, muss sie sich nun erneut der Anklage stellen. Im März dieses Jahres tagte die 12. Kammer des Hohen Sondergerichts für schwere Straftaten erneut, um Verfahrensfehler im sogenannten „Gewürzbasar-Prozesses“ zu beheben. Wieder gehört die Exilantin zu den Hauptangeklagten.

Sie erlebe einen „Albtraum in Endlosschleife“ erzählte die Türkin im vergangenen Jahr in einem Beitrag über ihr Schicksal, der auf Arte ausgestrahlt wurde. Aufgrund der erneuten Anklage schwinden ihre Hoffnungen, bald in ihre Heimat und zu ihrer Familie zurückzukehren zu können.

Offiziell wird sie als Terroristin verfolgt, doch der eigentliche Grund für die Verhaftung vor 14 Jahren ist ein anderer: Selek hatte in dieser Zeit in der Türkei über die verbotene türkische Arbeiterpartei PKK recherchiert. Nachdem sie mit einigen Mitgliedern gesprochen hatte, wurde sie verhaftet. „Sie haben mich sehr hart gefoltert“ erzählt die Türkin von ihrer Zeit im Gefängnis. Mit Elektroschocks und der äußerst schmerzvollen Foltermethode des Strappado, bei dem das Opfer an den hinter dem Rücken gefesselten Händen an einem Seil aufgehängt wird, wurde versucht, die Nennung von Namen der Parteimitgliedern der PKK zu erzwingen, mit denen sie sich getroffen hatte. Die damals 27 Jahre junge Frau muss aufgrund der Schwere der Foltermethoden sehr gelitten haben, doch sie hat sich geweigert, ihre Informanten zu verraten. „Das ist eine ethische Frage, ich konnte ihnen nicht die Namen nennen.“ Erst nach einigen Wochen Haft erfuhr Selek, dass man sie neben einigen Angeklagten für die Explosion und damit für einen vermeintlichen Terroranschlag auf dem ägyptischen Basar in der türkischen Haupstadt verantwortlich machte.

Nach zweieinhalb Jahren Haft wurden Selek und die anderen Angeklagten freigelassen. Eine Expertenkommission war bei der Untersuchung des Falls zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Vorfall auf dem Basar in Istanbul um einen Unfall handeln musste. In mehreren Gutachten führen die Ermittler ein Loch in einem Gaskanister als Grund für die Explosion an. Obwohl sie im Laufe der Jahre dreimal von der Anklage der Mitschuld freigesprochen wurde, steht sie auch heute noch im Verdacht, eine Terroristin zu sein.

Die Autorin glaubt, dass das Oberste Kassationsgericht sie wegen ihrer Bücher verfolge, in denen sie unter anderem starke Kritik am türkischen Militärdienst übt.

Die Fortführung des Prozesses wurde auf den 1. August 2012 vertagt. Das internationale Interesse am Schicksal Seleks wächst und immer mehr Unterstützer fordern ihre Freiheit; mittlerweile wurde der Fall jetzt auch vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht, um einen endgültigen Freispruch für Selek zu erkämpfen.

Pinar Selek hat über die verbotene PKK recherchiert.  Foto: red

Pinar Selek hat über die verbotene PKK recherchiert.

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Für das Recht auf freie Meinungsäußerung

Studenten verteilen Bücher zum »Welttag des Buches«
Wer am Montagmittag auf dem Seltersweg unterwegs war, der konnte auffallend vielen Menschen begegnen, die ein Buch mit sich herumtrugen. Die Initiative »Gefangenes Wort« machte mit Buchgeschenken auf den »Welttag des Buches« aufmerksam.
Es waren an diesem Tag nicht die röstfrischen Kaffeebohnen oder die neuesten
modischen Kreationen, die das Interesse auf sich zogen. Vielmehr bildete sich um bunte
Bananenkartons, gefüllt mit Büchern, eine Menschenmenge. Fünf Aktivistinnen der
studentischen Initiative Gefangenes Wort verschenkten diese zum »Welttag des
Buches«.
Seit 1995 ist der 23. April, von der UNESCO ausgerufen, der Tag, an dem »die Kultur des geschriebenen Wortes und die Rechte ihrer Autoren« weltweit ins Blickfeld gerückt
werden. Wer also am Montag auf Gießens Verkaufsmeile den Konsum im Blick hatte, der wurde schnell abgelenkt: »Guten Tag, dürfen wir Ihnen ein Buch schenken?« Manch einen machte das misstrauisch. »Wo ist denn hier der Haken?«, fragt ein junger Mann. Doch bei den meisten ist das Interesse groß. Eine Frau hätte gerne einen historischen Roman, eine andere sieht in dem Büchertisch wohl eher einen Flohmarkt und fragt nach dem zweiten Band ihres Lieblingskrimis.
Anne freut sich über das große Interesse der Passanten an den Büchergeschenken. »Ich habe als Kind gerne gelesen. Es freut mich, wenn ich heute anderen mit Büchern eine Freude machen kann.« Die Studentin der Komparatistik, einer Fachrichtung der Literatur und Kulturwissenschaft, möchte mit der Aktion andere zum Lesen anregen und den Spaß daran fördern. Doch um Unterhaltung alleine geht es der Initiative »Gefangenes Wort« nicht, darauf verweisen die eigens hergestellten Lesezeichen.
Seine Meinung frei zu äußern, ein Buch schreiben und veröffentlichen und frei entscheiden zu können, was man lesen möchte, ohne Repressalien zu befürchten, ist hierzulande selbstverständlich. So selbstverständlich, dass der Wert der Meinungsfreiheit, wie sie in Artikel 19 der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte formuliert wurde, oft in Vergessenheit gerät. Dass aber auch heute noch auf der ganzen Welt Schriftsteller und Journalisten in Gefängnissen sitzen oder um ihr Leben fürchten müssen, weil sie ihr Recht auf Meinungsäußerung ausüben, wurde den Gießener Studenten in einem Seminar zum Thema »Literaturpolitik, Literaturevent, Literaturereignis« bewusst. Die damalige Vorsitzende des deutschen »Writers-In-Prison-Comittee«, Katja Behrens, inspirierte hier mit ihrem Vortrag die Gruppe zur Gründung der Initiative »Gefangenes Wort«. Durch öffentliche Kampagnen und Petitionen, aber auch kulturelle Veranstaltungen, versuchen sie seitdem, »auf die bedrohliche Situation jener Menschen aufmerksam zu machen, die aufgrund ihrer literarischen, journalistischen, verlegerischen oder künstlerischen Tätigkeiten unter Repressionen leiden, zensiert, bedroht oder inhaftiert werden.«, wie es in ihren Leitlinien heißt. 2011 rückte die Gruppe die politische Situation in Weißrußland ins Blickfeld. Einen Bücherflohmarkt am Gedenktag der Schriftstellervereinigung PEN für »writers in prison« nutzte die Gruppe, um das Schicksal des weißrussischen Schriftstellers und Journalisten Dzmitry Bandarenka vorzustellen. Der war in Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung zu zwei Jahren Haft in der Strafkolonie Mahiljou verurteilt und inhaftiert worden. Mit dem Flohmarkt konnten mehr als 3000 Euro zu seiner Unterstützung und 400 Unterschriften für eine Petition zur Freilassung Bandarenkas gesammelt werden. »Bandarenka ist frei!« meldet nun der Newsticker zur Meinungsfreiheit auf der Homepage der Initiative unter www.gefangenes-wort.de.
Ob Am Welttag des Buches, dem Gedenktag »writers in prison«, mit Konzerten, Lesungen und andere Aktivitäten – für die stets Unterstützer gesucht werden – die Gruppe wird weiterkämpfen, gemäß ihrem Leitspruch von Katja Behrens: »Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere Schreiben dürfen.« Doris Wirkner

“Aufgerissene Körper und rohes Fleisch”

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 7.4.2012: Samar Yazbek

Das Seminar hatte etliche Studierende angelockt. Denn bereits der Titel „Literaturpolitik, Literaturevent und Literaturereignis“ versprach einen engen Bezug zur Praxis. Und genau das ist für angehende Germanisten besonders wichtig. Schließlich ist ihr Berufsbild nicht konkret umrissen. Das wiederum bietet Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber eben auch Risiken. Für einige Hochschüler der Justus-Liebig-Universität (JLU) wurde die Veranstaltung obendrein zum Ausgangspunkt zu einem bemerkenswerten Engagement. Gemeinsam gründeten sie nämlich die Initiative „Gefangenes Wort“, die sich für verfolgte Schriftsteller und Journalisten in der ganzen Welt einsetzt. Künftig werden die Studierenden nun regelmäßig im Anzeiger das Schicksal eines verfolgten Autors präsentieren.

Die Schriftstellerin Katja Behrens war im November 2008 der Einladung von Honorarprofessor Sascha Feuchert nach Gießen gefolgt und hatte in dem Seminar ihre Arbeit in der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. erläutert. Zudem hatte die damalige Vorsitzende des deutschen „Writers-in-Prison-(Autoren-im-Gefängnis)-Komitees“ über die Verfolgung von Autoren in vielen Staaten der Welt berichtet. „Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere schreiben dürfen“, betonte die resolute Publizistin damals. Und das nahmen mehrere Studierende zum Anlass, gemeinsam auf die Bedrohung von Autoren hinzuweisen. Seither wird regelmäßig im Herbst – aus Anlass des Writers-in-Prison-Day am 15. November – bei einem Bücherflohmarkt Geld gesammelt, um Schriftsteller und Journalisten zu unterstützen. „Weltweit gibt es 870 Fälle inhaftierter Autoren“, nannte Manuel Emmerich von „Gefangenes Wort“ unlängst Zahlen. Und fügte gleichzeitig hinzu: „Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen.“

Um die Bedrohung und Verfolgung der schreibenden Frauen und Männer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, werden die Studierenden jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vorstellen. Zum Auftakt berichtet die Studentin Kathy Gareis von der syrischen Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek.

Auftakt mit Samar Yazbek

„Die Wirklichkeit, die ich erlebt habe, ist viel absurder und grauenvoller als jede Phantasie“, sagt Samar Yazbek. Im Februar ist ihr Buch „Schrei nach Freiheit“, ein Erlebnisbericht aus dem Inneren der syrischen Revolution, auch in Deutschland erschienen. Angst, Hilflosigkeit und Mut, der aus der Verzweiflung entsteht – mit diesen Worten beschreibt sie den Alltag in ihrer Heimat Syrien. Die 41-Jährige hat Literatur studiert und schon einige Romane und Erzählungen veröffentlicht. Sie drehte Dokumentarfilme, schrieb Drehbücher für Fernsehfilme und engagierte sich als Journalistin für Bürgerrechte und die Rechte der Frauen in Syrien. Außerdem ist sie die Herausgeberin der Online-Zeitschrift „Woman of Syria“ und eine Autorin der Gruppe „Beirut39“.

Samar Yazbek hat 100 Tage lang, vom 25. März bis zum 9. Juli 2011, die Ereignisse in ihrem Land protokolliert. Denn Präsident Baschar al-Assad führt einen Krieg gegen das eigene Volk, Syrien versinkt immer mehr in einem Blutbad und es droht eine humanitäre Katastrophe. Seit Beginn der Proteste im März vergangenen Jahres starben mehr als 5000 Menschen bei Auseinandersetzungen. Die Revolution droht brutal niedergeschlagen zu werden. Samar Yazbek geht auf die Straße, reist durch das ganze Land und schreibt in einer Art Tagebuch auf, was sie sieht. Sie spricht mit Demonstranten sowie mit Polizisten und befragt sogar aus der Haft entlassene Dissidenten. Dadurch gerät sie bald selbst ins Visier und auf die Todesliste des Geheimdienstes. Da Samar Yazbek aus einer angesehenen alawitischen Familie stammt – der religiösen Minderheit im Land, der auch Präsident Assad angehört -, wird sie als Verräterin verfolgt und mehrmals misshandelt. „Als man mich verhaftete, wurde ich – vermutlich zur Abschreckung – in ein unterirdisches Gefängnis geführt. Was ich dort gesehen habe, war so grauenvoll, wie ich es mir davor nie hätte vorstellen können. Völlig zugeschwollene Gesichter, blutig aufgerissene Körper, rohes Fleisch. Menschen, die vor wenigen Wochen noch fröhliche junge Männer gewesen waren, 18, 20 Jahre alt. Bilder, die einem den Verstand rauben“, sagt Samar Yazbek. In eindringlichen Worten schildert die Chronistin der Protestbewegung, was es heißt, wenn nur ein einziger Schritt auf die Straße den Tod bedeuten kann; beschreibt die stetige Angst, verhaftet zu werden. Der Geheimdienst des repressiven Regimes ist allgegenwärtig und die Polizei sieht tatenlos zu, wie selbst Kinder in die Gefängnisse verschleppt werden.

Vor einem halben Jahr ist Samar Yazbek mit ihrer Tochter aus ihrer Heimat geflohen, da sie den Machthabern zu gefährlich wurde und daher um ihr Leben fürchten musste. Seitdem lebt sie in Paris im Exil. „Hier in Paris fühle ich mich innerlich tot. Meine Tochter und ich sind zwar in Sicherheit, aber wenn ich die Bilder aus Syrien sehe, merke ich, dass in mir etwas abgestorben ist“, so Yazbek. Sie möchte Zeugnis ablegen und versucht, die Realität zu beschreiben, damit die Öffentlichkeit nicht nur verwackelte Handyvideos erreichen, sondern ein Tatsachenbericht, der vielleicht seinen Beitrag dazu leistet, dass das syrische Volk seine Freiheit zurückerhält.

Berichtet vom Kampf um Freiheit in ihrer Heimat: die syrische Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek bei einer Kundgebung. Foto: Gefangenes Wort

Berichtet vom Kampf um Freiheit in ihrer Heimat: die syrische Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek bei einer Kundgebung. Foto: Gefangenes Wort

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Werkstattgespräch mit Schriftstellerin Katja Behrens

GIESSEN. Weißrussland nach der Präsidentschaftswahl im Dezember 2010. Weil er sich an einer Demonstration gegen die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko beteiligt hat, wurde der Journalist und Regimekritiker Dzimitry Bandarenka zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt. Mit seinem Schicksal steht Bandarenka nicht allein, denn weltweit sind Schriftsteller und Publizisten gerade wegen ihrer Tätigkeit Repressalien ausgesetzt. Um verfolgten Autoren zu helfen, hat sich 2008 die studentische Initiative „Gefangenes Wort“ gegründet, die zu diesem Zweck seit 2009 regelmäßig unter anderem Bücherflohmärkte veranstaltet und die Erlöse des Marktes im vergangenen Jahr Bandarenka zukommen lässt.
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3161 Euro erwirtschaftet

Aus: Gießener Anzeiger, 22. November 2011

 

Hochschule 

3161 Euro erwirtschaftet

22.11.2011

Bücherflohmarkt der Initiative „Gefangenes Wort“ läuft gut
GIESSEN (olz). Eine beachtliche Bilanz: Mit ihrem Bücherflohmarkt zum Writers-in-Prison-Day hat die Initiative „Gefangenes Wort“ 3151 Bücher verkauft und dadurch insgesamt einen Erlös von 3161 Euro erwirtschaftet. Der Markt, der in der vergangenen Woche von Montag bis Donnerstag zunächst im Rathaus und später im Foyer des Philosophikum I stattfand, war zugunsten des in Weißrussland inhaftierten Journalisten Dzimitry Bandarenka veranstaltet worden.

Als Regimekritiker, Berater des Oppositionskandidaten Andrej Sannikow und Demonstrant gegen die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko wurde Bandarenka im Umfeld der Präsidentenwahl im Dezember 2010 verhaftet. Nicht nur wirtschaftlich hilft die Initiative, an der sich zurzeit etwa 20 Ehrenamtler beteiligen, sondern auch mit einer Petition, die im Lauf des Flohmarkts von über 400 Unterstützern unterschrieben wurde, und die die Freilassung des inhaftierten Autors erreichen soll.

Wer bei „Gefangenes Wort mitmachen möchte: Informationen gibt es unter www.gefangenes-wort.de. Es sind auch Nicht-Universitätsangehörige willkommen.

Zum „Writers-in-Prison-Day“ am 15. November veranstaltet die Initiative „Gefangenes Wort“ erneut Bücherflohmarkt

02.11.2011 Gießener Anzeiger

GIESSEN (olz). „Es ist ein absoluter Luxus, dass in vielen Ländern Meinungs- und Pressefreiheit herrschen“, sagt Julia Richter, die sich in diesem Jahr an der Organisation des Bücherflohmarktes zum „Writers-in-Prison-Day“ am 15. November beteiligt.. Ziel des Flohmarktes, der am 14. und 15. November im Pausenraum des Rathauses und am 16. und 17. November im Foyer des Philosophikum I veranstaltet wird, ist es, unterdrückten Autoren zu helfen.

Vier Mitglieder der Initiative2011 geht der Erlös aus dem Bücherverkauf, der bereits 2008 an der Justus-Liebig-Universität ins Leben gerufen wurde, an den weißrussischen Journalisten Dzimitry Bandarenka. Hierzulande ist diese Situation schlicht unvorstellbar: Weil er sich im Umfeld der Präsidentenwahl im Dezember 2010 in seinem Heimatland Weißrussland an einer Demonstration gegen die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko beteiligt hat, wurde der Journalist Dzimitry Bandarenka zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt. Und es soll gesundheitlich schlecht stehen um den jahrelangen Regimekritiker und Berater des Oppositionskandidaten Andrej Sannikow.

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“Meine Gefangenschaft in Kerkern des Castro-Regimes”

Der folgende Text entstammt einem Gespräch, das die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte mit Normando Herández González kurz nach seiner Ankunft im spanischen Exil führte. Das Original ist hier zu finden:

http://www.igfm.de

Normando Hernandez Gonzalez, im Gespräch mit der IGFM: “Meine Gefangenschaft in Kerkern des Castro-Regimes”

Normando Hernandez Gonzalez (Interview IGFM)Dank eines kubanischen politischen Gefangenen, der im Juli 2010 nach sieben Jahren Haft nach Spanien freigelassen wurde: Überleben war nur dank der internationalen Solidarität und der Liebe seiner Familie möglich

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