“Aufgerissene Körper und rohes Fleisch”

Artikelserie im Gießener Anzeiger vom 7.4.2012: Samar Yazbek

Das Seminar hatte etliche Studierende angelockt. Denn bereits der Titel „Literaturpolitik, Literaturevent und Literaturereignis“ versprach einen engen Bezug zur Praxis. Und genau das ist für angehende Germanisten besonders wichtig. Schließlich ist ihr Berufsbild nicht konkret umrissen. Das wiederum bietet Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber eben auch Risiken. Für einige Hochschüler der Justus-Liebig-Universität (JLU) wurde die Veranstaltung obendrein zum Ausgangspunkt zu einem bemerkenswerten Engagement. Gemeinsam gründeten sie nämlich die Initiative „Gefangenes Wort“, die sich für verfolgte Schriftsteller und Journalisten in der ganzen Welt einsetzt. Künftig werden die Studierenden nun regelmäßig im Anzeiger das Schicksal eines verfolgten Autors präsentieren.

Die Schriftstellerin Katja Behrens war im November 2008 der Einladung von Honorarprofessor Sascha Feuchert nach Gießen gefolgt und hatte in dem Seminar ihre Arbeit in der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. erläutert. Zudem hatte die damalige Vorsitzende des deutschen „Writers-in-Prison-(Autoren-im-Gefängnis)-Komitees“ über die Verfolgung von Autoren in vielen Staaten der Welt berichtet. „Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere schreiben dürfen“, betonte die resolute Publizistin damals. Und das nahmen mehrere Studierende zum Anlass, gemeinsam auf die Bedrohung von Autoren hinzuweisen. Seither wird regelmäßig im Herbst – aus Anlass des Writers-in-Prison-Day am 15. November – bei einem Bücherflohmarkt Geld gesammelt, um Schriftsteller und Journalisten zu unterstützen. „Weltweit gibt es 870 Fälle inhaftierter Autoren“, nannte Manuel Emmerich von „Gefangenes Wort“ unlängst Zahlen. Und fügte gleichzeitig hinzu: „Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen.“

Um die Bedrohung und Verfolgung der schreibenden Frauen und Männer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, werden die Studierenden jeweils am ersten Samstag des Monats einen Fall auf der Hochschulseite vorstellen. Zum Auftakt berichtet die Studentin Kathy Gareis von der syrischen Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek.

Auftakt mit Samar Yazbek

„Die Wirklichkeit, die ich erlebt habe, ist viel absurder und grauenvoller als jede Phantasie“, sagt Samar Yazbek. Im Februar ist ihr Buch „Schrei nach Freiheit“, ein Erlebnisbericht aus dem Inneren der syrischen Revolution, auch in Deutschland erschienen. Angst, Hilflosigkeit und Mut, der aus der Verzweiflung entsteht – mit diesen Worten beschreibt sie den Alltag in ihrer Heimat Syrien. Die 41-Jährige hat Literatur studiert und schon einige Romane und Erzählungen veröffentlicht. Sie drehte Dokumentarfilme, schrieb Drehbücher für Fernsehfilme und engagierte sich als Journalistin für Bürgerrechte und die Rechte der Frauen in Syrien. Außerdem ist sie die Herausgeberin der Online-Zeitschrift „Woman of Syria“ und eine Autorin der Gruppe „Beirut39“.

Samar Yazbek hat 100 Tage lang, vom 25. März bis zum 9. Juli 2011, die Ereignisse in ihrem Land protokolliert. Denn Präsident Baschar al-Assad führt einen Krieg gegen das eigene Volk, Syrien versinkt immer mehr in einem Blutbad und es droht eine humanitäre Katastrophe. Seit Beginn der Proteste im März vergangenen Jahres starben mehr als 5000 Menschen bei Auseinandersetzungen. Die Revolution droht brutal niedergeschlagen zu werden. Samar Yazbek geht auf die Straße, reist durch das ganze Land und schreibt in einer Art Tagebuch auf, was sie sieht. Sie spricht mit Demonstranten sowie mit Polizisten und befragt sogar aus der Haft entlassene Dissidenten. Dadurch gerät sie bald selbst ins Visier und auf die Todesliste des Geheimdienstes. Da Samar Yazbek aus einer angesehenen alawitischen Familie stammt – der religiösen Minderheit im Land, der auch Präsident Assad angehört -, wird sie als Verräterin verfolgt und mehrmals misshandelt. „Als man mich verhaftete, wurde ich – vermutlich zur Abschreckung – in ein unterirdisches Gefängnis geführt. Was ich dort gesehen habe, war so grauenvoll, wie ich es mir davor nie hätte vorstellen können. Völlig zugeschwollene Gesichter, blutig aufgerissene Körper, rohes Fleisch. Menschen, die vor wenigen Wochen noch fröhliche junge Männer gewesen waren, 18, 20 Jahre alt. Bilder, die einem den Verstand rauben“, sagt Samar Yazbek. In eindringlichen Worten schildert die Chronistin der Protestbewegung, was es heißt, wenn nur ein einziger Schritt auf die Straße den Tod bedeuten kann; beschreibt die stetige Angst, verhaftet zu werden. Der Geheimdienst des repressiven Regimes ist allgegenwärtig und die Polizei sieht tatenlos zu, wie selbst Kinder in die Gefängnisse verschleppt werden.

Vor einem halben Jahr ist Samar Yazbek mit ihrer Tochter aus ihrer Heimat geflohen, da sie den Machthabern zu gefährlich wurde und daher um ihr Leben fürchten musste. Seitdem lebt sie in Paris im Exil. „Hier in Paris fühle ich mich innerlich tot. Meine Tochter und ich sind zwar in Sicherheit, aber wenn ich die Bilder aus Syrien sehe, merke ich, dass in mir etwas abgestorben ist“, so Yazbek. Sie möchte Zeugnis ablegen und versucht, die Realität zu beschreiben, damit die Öffentlichkeit nicht nur verwackelte Handyvideos erreichen, sondern ein Tatsachenbericht, der vielleicht seinen Beitrag dazu leistet, dass das syrische Volk seine Freiheit zurückerhält.

Berichtet vom Kampf um Freiheit in ihrer Heimat: die syrische Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek bei einer Kundgebung. Foto: Gefangenes Wort

Berichtet vom Kampf um Freiheit in ihrer Heimat: die syrische Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Samar Yazbek bei einer Kundgebung. Foto: Gefangenes Wort

Continue reading