Überwacht, bedroht, gefoltert und ermordet (Gießener Anzeiger)

Studierende der JLU machen auf Schicksale verfolgter Autoren aufmerksam – Bücherflohmarkt im Phil I für PEN-Organisation “Writers in prison” GIESSEN (fod). Die Freiheit der Worte ist ein hohes Gut. Doch in vielen Ländern der Erde wird das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung mit Füßen getreten.

Zu Hunderten sitzen regimekritische Schriftsteller und Journalisten hinter Gittern, werden vom Staat überwacht, gefoltert oder gar ermordet. Einige Studierende am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität (JLU) haben dies zum Anlass genommen, gestern und heute auf die Schicksale verfolgter Autoren aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck haben sie im Foyer des Hörsaalgebäudes im Philosophikum I mehrere Wandtafeln aufgestellt, die anhand von Bildern und kurzen Texten Zeugnis ablegen über mehr als zwei Dutzend, größtenteils sehr ergreifende Einzelschicksale. Zur Ausstellung gehört ebenfalls ein Bücherflohmarkt, dessen Erlös der Unterorganisation “Writers in prison” (Autoren im Gefängnis) der internationalen Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) zugute kommen soll. Ausstellung und Flohmarkt können auch heute noch in der Zeit von 10 bis 15 Uhr besucht werden.
Die zweitägige Veranstaltung findet im Rahmen des Hauptseminar “Literaturpolitik, Literaturevent und Literaturereignis” statt, das von Dr. Sascha Feuchert geleitet wird. Benjamin Kling beispielsweise schildert auf einer der Wandtafeln das Schicksal des Tibeters Dolma Kyab, der nach Veröffentlichung seines Buches über die Geschichte Tibets und dessen Besetzung durch chinesische Truppen wegen “Gefährdung der öffentlichen Sicherheit”, so der Schuldspruch, zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, die der heute 29-Jährige seit 2005 im Arbeitslager Seilong in China verbüßt. “Er hat nichts anderes als die Wahrheit geschrieben”, sagt Benjamin Kling im Gespräch mit dem Aneziger und bedauert, dem Verurteilten nicht direkt helfen zu können. Und so bleibe nur die Möglichkeit, durch PEN und andere Institutionen auf das Dolma Kyab widerfahrene Unrecht in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und sich für dessen Freilassung einzusetzen. Der 24-jährige Student zeigt zudem anhand einer Liste, dass die Türkei mit derzeit 94 in Gefangenschaft lebenden Autoren und China mit 39 die mit Abstand meisten Fälle aufweisen. Dass gerade die Türkei so weit vorne liege, sei laut Benjamin Kling auf das dort geltende strikte Verbot der Nennung bestimmter Begriffe in Zeitungen und Büchern zurückzuführen. “Zum Beispiel ist es Tabu, über den Armenien-Krieg zu schreiben”, erzählt er. Sollte dies doch einer tun, ziehe das sofort eine Gefängnisstrafe nach sich. Einen solchen Fall aus der Türkei präsentiert Stefanie Füchter. Die 22-jährige Studentin hat sich der Geschichte von Mehmet Bakir angenommen. Aufgrund von höchst wahrscheinlich durch Folter erzwungenen Aussagen wurde der Journalist wegen Mitgliedschaft in einer kurdischen Oppositionspartei nach mehrjähriger Untersuchungshaft zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, bekam seine Bürgerrechte entzogen und wurde mit einem Ausreiseverbot belegt, kann man auf ihrer Wandtafel nachlesen.
“Bei uns in Deutschland erhalten die Fälle verfolgter Autoren leider zu wenig Aufmerksamkeit”, kritisiert Stefanie Füchter, “in anderen Ländern beschäftigt man sich damit viel mehr.” So kann Astrid Putzke von dem Fall des türkischen Journalisten Hrant Dink, Mitarbeiter eines armenischsprachigen Magazins, berichten, der von einem Auftragskiller im Januar 2007 auf offener Straße in Istanbul erschossen worden sei, was auch im Ausland für große Aufregung gesorgt hatte.
Auch nach Beendigung der Aktion wollen sich die Studierenden weiterhin für ihre zukünftigen Kollegen einsetzen. So wird gerade vom Studenten Jan Suberg eine die Ausstellung fortführende Internet-Seite (www.gefangenes-wort.de) aufgebaut, außerdem sollen die deutschen Wikipedia-Einträge zu den Themen PEN und “Writers in prison” vervollständigt werden.

Wir bedanken uns beim Gießener Anzeiger für die Erlaubnis diesen Artikel hier zu veröffentlichen. Zu finden ist der Originalartikel unter: http://www.giessener-anzeiger.de